control.

22. September 2018

Diesen Artikel zu schreiben fällt mir relativ leicht.

Ihn zu veröffentlichen hingegen ziemlich schwer.

Die Gründe dafür schlummern tief in mir.

Sie sind mir zum Teil peinlich, zum Teil schmerzt es aber einfach auch.

In den letzten Wochen habe ich mich mehr und mehr meiner Vergangenheit gestellt. Mein Ziel ist es, dabei stets ehrlich mit meinen Mitmenschen und vor allem ehrlich mit mir selbst zu sein. Deshalb habe ich Stück für Stück begonnen Teile meiner Geschichte mit Menschen zu teilen. Mal mit mir nahestehenden Personen, mal mit Menschen, die ich kaum kenne. Einfach weil es wichtig für mich ist, zu erkennen wie ich nun mal bin und zu akzeptieren, dass alles, was war seine Berechtigung hat.

 

Heute möchte ich einen sehr schmerzlichen Teil dieser Vergangheit mit dir teilen. Eine Zeit in der es oft dunkel war, ich Pro- und Kontra-Listen für Leben oder Sterben geschrieben habe. Eine Zeit, die zu einem gewissen Teil dazu beigetragen hat, dass ich heute bin, wer ich bin.

 

Oft werde ich gefragt, warum ich vegan lebe. Diese Frage zu beantworten fällt mir leicht: Weil ich es heute nicht übers Herz bringe, mir vorzustellen, was all den großen und kleinen Lebewesen zugemutet wird, nur um ein Glas Milch zu trinken oder das Stück Hähnchenbrust mit kross gebratener Haut auf dem Teller zu haben.

 

Die zweite Frage, die mir oft gestellt wird, habe ich bis vor Kurzem jedoch immer über Umwege und ohne die ganze Wahrheit zu sagen, beantwortet. Die Frage lautet: "Warum bist du vegan geworden?" Nun, im Gegensatz zu vielen anderen Veganern ging es mir (anfangs) nicht um das Leid der Tiere, sondern lediglich um mich selbst. Um mich und mein Überleben. Ich denke, das mag jetzt hart klingen, aber vielen, darunter Freunden, Bekannten und Menschen meiner Familie, war zu jener Zeit sicher nicht bewusst, an welch kritischem Punkt ich mich befand.

 

Vor ca. 3 Jahren geriet mein Leben an verschiedensten Stellen außer Kontrolle. Ich hatte mich ein paar Monate zuvor aus einer längeren Beziehung geflüchtet. Jobtechnisch stagnierte so ziemlich alles. Meine Familie brach Stück für Stück auseinander. Ich habe mich in den falschen Mann verliebt und zudem hatte ich das Gefühl all meine Kreativität verloren zu haben. Diese Dinge passieren eben. Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich ein Mensch bin, der zwanghaft alles unter Kontrolle haben muss. Ich meine wirklich alles. Angefangen beim Einräumen des Geschirrspülers bei großen Familienfeiern bis hin zum Schneiden der Möhren für MEINE Bolognese. Das liegt mit Sicherheit zum Großteil daran, wie ich aufgewachsen bin, was aber keineswegs eine Ausrede sein soll.

 

Wenn dir dein Leben dann allerdings einen Strich durch die Rechnung macht, dir alles aus den Händen rinnt, suchst du verzweifelt nach etwas, das du mit Sicherheit kontrollieren kannst. Etwas, das unabhängig von der Außenwelt ist. Etwas, über das nur du die Kontrolle hast. Die Antwort fand ich bei mir selbst: Meinem Körper. Der gehört schließlich ganz alleine mir und alleine ich bestimme, was damit geschieht. Ich glaube, viele wissen, was ich damit meine. Manche Menschen fangen an unkontrolliert alles, was sie in die Hände bekommen, in sich hinein zu stopfen, andere trainieren bis zum Erbrechen. Ich habe schlicht und einfach aufgehört zu essen. Das schien mir am kostengünstigsten und mit dem geringsten Aufwand verbunden zu sein. Anfangs war das alles auch noch gut nach außen zu rechtfertigen. Hatte ich doch eh schon immer ein paar Kilo zu viel. Zugegeben: ich habe zu dieser Zeit auch ziemlich viele Komplimente bekommen: "Mensch, du hast abgenommen. Sieht klasse aus!" Klar, mich hat das gefreut. Jeder bekommt gerne Komplimente. Aber darum ging es mir nicht. Mir ging es darum, bewusst sagen zu können: Ich kontrolliere, was ich esse. Ich alleine. Und in meinem Fall tat es mir gut, eben nichts zu essen. In Gesellschaft habe ich natürlich, vor allem anfangs, noch gegessen. Zu Hause dann habe ich mich von Milchkaffee und Zigaretten ernährt. Ich habe mich in dieser Zeit nach einer Mahlzeit nie übergeben. Mir ist wichtig das zu erwähnen, denn ich habe genau aus diesem Grund lange Zeit abgestritten, dass ich eine Essstörung habe. Nun, irgendwann wurden die Komplimente weniger und es kamen mehr und mehr Sätze wie "Was ist los mit dir? Du siehst so krank aus!" oder "Hilfe, du bist ja dünn geworden! Ist das noch normal?" Am schlimmsten fand ich den Satz: "Mensch Mädchen, iss doch mal was!" Tja, wenn das denn so einfach wär. Das ist nämlich die Krux an der Sache: Hätte ich gegessen, hätte ich die Kontrolle aufgegeben. Ich hätte wieder versagt.

 

Mir ging es gut damit. Für ganze 8 Wochen. 8 Wochen, in denen ich 12 Kilo verloren habe. Ich denke, wenn man 130 Kilo wiegt, mag das auch okay sein. Liegt das Startgewicht allerdings bei 64 Kilo, könnte man das kritisch sehen. Vor allem dann, wenn man eigentlich immer normal war. Oder in den eigenen Augen immer ein bisschen pummelig.

Irgendwann kam dann der Punkt, an dem Körper nicht mehr wollte. Ich zitterte, bekam komische Haare an Stellen, an denen ich nie welche hatte und irgendwie war ich ständig müde. Das versuchte ich dann mit Sport zu kompensieren. Katharina, wenn du dich nur etwas draußen an der frischen Luft bewegst, wirst du schon wieder munter! Nun ja, was soll ich sagen. Ich erinnere mich noch genau an einen Tag im Oktober. Ich ging wie jeden Abend in dieser Zeit laufen. Es war schon dunkel, der Himmel war klar, die Luft angenehm kühl. Ich war wohl erst 10 Minuten unterwegs, bis mir irgendwo im Gewerbegebiet von Jena schwarz vor Augen wurde und meine Beine einfach einknickten. Einfach so. Wie zwei dünne, kleine Stöckchen. Ich lag dann so ca. 45 Minuten in der Kälte. War hellwach, aber konnte einfach nicht aufstehen. Irgendwann ging es dann wieder. Ich schleppte mich nach Hause, legte mich in die heiße Wanne und anschließend ins Bett. Am nächsten Tag ging ich brav zur Arbeit. So macht man das schließlich. Gibt ja keinen Grund im Bett liegen zu bleiben. Irgendwann, kurz vor der Mittagspause, begann ich vor meinem Bildschirm zu weinen. Die Tränen flossen und mir war es egal. Wie fremdgesteuert ging ins Nebenzimmer und rief meine Mama an. "Mama, ich muss nach Hause kommen. Ich muss zum Arzt." Noch am selben Abend fuhr ich in die Heimat. Das Gesicht meiner Mama werde ich nie vergessen. Oh mein Gott, wie sieht das Kind nur aus? Am nächsten Tag gingen wir dann zum Arzt. Zusammen. Zu einer guten Bekannten meiner Mama. Die Ärztin hat mich nichts gefragt. Sie hat mich angeschaut und wusste, was los ist. Ich weinte einfach nur. Bestimmt eine halbe Stunde lang. Sie rief meine Mama zu sich rein und fing an mit ihr über meinen Zustand zu sprechen.

 

Das war der Tag, an dem sich mein Leben änderte.

 

Ich bekam zwei Optionen: Entweder alle 3 Tage in der Praxis erscheinen, berichten, was ich gegessen hatte oder in die Klinik gehen. Letzteres kam für mich nicht in Frage, ich habe einen Horror vor Krankenhäusern.

Deshalb wählte ich Option 1 und begann langsam wieder zu essen. Allerdings ekelte ich mich meist schon beim bloßen Anblick dessen, was da auf dem Teller lag. Noch dazu roch das alles auch irgendwie nicht gerade angenehm. Und wenn ich dann noch sah, wie Menschen ihr Mittagessen in sich hineinschaufelten, ohne zu kauen, direkt runter damit, dann war es ganz aus. Deshalb habe ich auch in dieser Zeit weiter abgenommen. Ich konnte das, was ich einst liebte, einfach nicht mehr in meinen Mund stecken. Und schon gar nicht hinunterschlucken. Meine Ärztin riet mir damals genau auf meinen Körper zu hören. Was will er? Was braucht er? Worauf hat er Lust? Auf dies Fragen gab mir die vegane Ernährung eine Antwort. Der Beginn von etwas Neuem und in gewisser Weise wohl auch meine Rettung. Irgendwann hätte ich mich sonst sicher selbst aufgegeben.

 

Das Ergebnis meines Weges seit dieser Zeit ist zum Teil das, was ich hier und auf Instagram teile. Meine Liebe und Leidenschaft zum Kochen & Backen. Lebensmittel sind so etwas Faszinierendes. Einzeln und in Kombination. Man kann so vieles entdecken. Der Teil mit der Ernährung ist jedoch nur der eine. Und um ehrlich zu sein, auch der einfachere. Der andere fordert viel mehr Kraft, Mut und vor allem Geduld. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen ist die wohl schwerste Aufgabe, die man einem Menschen stellen kann. Auch hierzu möchte ich, wenn ich soweit bin, noch die eine oder andere Geschichte erzählen.

Aber vorerst bleibt es bei dieser hier. Die Antwort auf die Frage "Warum wurdest du vegan?" - Sie ist nicht schön, macht mich auch heute noch traurig und oft drücke ich mich davor, die (ganze) Wahrheit auszusprechen. Eben weil ich mich in diesen Momenten immer ein Stück weit verletzlich mache und die scheinbar so taffe Frau dann kurz dem inneren Kind weichen muss.

Danke liebe Stephie für diese Fotostrecke <3

© 2018 by Katharina Welsch BA Innenarchitektur || Impressum

  • Black Instagram Icon
  • Black Pinterest Icon

kathakatinka - Ein veganer Food Blog aus Leipzig mit viel Herz und Bewusstsein für Natur & Umwelt.